Kip Andersen und Ali Tabrizi blicken in „Seaspiracy“ hinter die Kulissen der Fischindustrie und machen auf den desaströsen Zustand der Ökosysteme unserer Meere aufmerksam. Wird hier die Realität des Fischfangs dargestellt oder ist der Film mit Vorsicht zu genießen?

Kaum eine Dokumentation geht derzeit so durch die Decke wie der Dokumentarfilm „Seaspiracy“, der seit dem 24. März beim Streaming-Dienst Netflix verfügbar ist. Gleichzeitig hat wohl kaum eine Doku so sehr zum Verlust an Fisch-Appetit beigetragen. Denn Regisseur Ali Tabrizi, der ebenfalls als Protagonist des Films dient, und Produzent Kip Andersen ließen ihre Hommage an die Weltmeere doch eher zu einer Doku über die drastischen Maßnahmen der Fischindustrie werden.

Polizeisirenen. Die tosende See. Düstere Szenen. Erschreckende Worte eines anonymen Interviewpartners. Die ersten zwei Minuten von Tabrizis und Andersens Werk wirken erschreckend und zeichnen bereits den Charakter der folgenden 90 Minuten ab. Leichte Kost ist die Doku jedenfalls nicht, denn innerhalb von eineinhalb Stunden nimmt der Regisseur den Zuschauer mit auf eine Reise zu den Schattenseiten der Fischindustrie. In rasantem Tempo ziehen Bilder, Statistiken und erzählte Fakten an Augen und Ohren vorbei und Platz zum Verdauen und Verarbeiten des neugewonnenen Wissens bleibt kaum.

Damit stellt sich bereits die erste Frage: Ist der Sinn einer Dokumentation hier getroffen, die doch eher eine Informationsquelle für Unwissende und Laien sein sollte, als eine Achterbahnfahrt durch Fakten und visuelle Effektel?

Andersens Hang zum Extremen bereits bekannt

Dass Andersen in seinen Filmen gerne zu drastischen Mitteln greift, ist bereits aus seinen früheren Werken wie „Cowspiracy“ und „What the Health“ bekannt.  Diese thematisierten die Vorgehensweisen der Fleisch- und Lebensmittelindustrie und lassen als Rückschluss den Veganismus als einzig richtige Lebensweise erscheinen.

Viele Medien kritisierten den Filmemacher dafür, da er gesundheitsschädliche Faktoren wie hohen Zuckerkonsum herunterspielte und einzig und allein den Konsum von tierischen Produkten als gefährlich einstufte und darstellte.

Fischverzicht als einzige nachhaltige Lösung

Ebenso geht Andersen nun in „Seaspiracy“ vor und lässt den Zuschauer nach der Doku mit der Frage zurück, ob Fischverzicht die einzige Lösung ist oder ob es nicht doch eine nachhaltige Alternative gibt. Ins Zentrum des Films rückt die vom Menschen verursachte Zerstörung des Ökosystems durch Plastikverschmutzung und Überfischung der Meere.

Laut einer zitierten Studie bestehe 46 Prozent des Plastikmülls im Pazifik aus entsorgten Fischernetzen und gerade mal 0,03 Prozent des Mikroplastiks in den Ozeanen seien die so verpönten Plastikstrohhalme. Je mehr der Regisseur und Protagonist versucht, die Umstände und Ursachen der Verschmutzung ans Tageslicht zu bringen, desto tiefer scheint er in den Geheimnissen von Organisationen und Regierungen zu graben.

Das Label „Dolphin Safe“, das für die Rücksicht auf Delfine beim Fischfang steht und Produkte damit kennzeichnet, wird besonders an den Pranger gestellt. Selbst der Leiter des Programms scheint im Gespräch mit Tabrizi zuzugeben, dass es für die Rücksicht auf Delfine keine hundertprozentige Sicherheit gebe, da eine Bestechung der Arbeiter auf den Booten nicht ausgeschlossen sei.

Faktenbasierte Thesen oder zusammenhanglose Bilder?

Innerhalb von wenigen Tagen erreichte die Dokumentation mehrere Millionen Menschen und führte zu kontroversen Diskussionen in den Medien. Einige NGOs zeigten sich begeistert von der Aufdeckung der versteckten Wahrheit und der neuen Aufmerksamkeit, die die Fischindustrie nach der Fleischindustrie nun bekommt. Andere Organisationen, die zu Teilen im Film präsentiert werden, werfen Regisseur und Produzent vor, die Zusammenhänge realitätsfern darzustellen.

Dass die Abfolge von Statistiken, Bildern und Erzähltem so dicht aneinandergereiht ist und die Zuschauer kaum die Übersicht behalten können, wird ebenfalls kritisiert, da es zu blindem Vertrauen gegenüber dem Erzähler führe. Der Zuschauer ist einer Flut von Informationen ausgesetzt und wird in einem Meer an Aufklärungen zurückgelassen, in dem er sich kaum zu orientieren weiß.

Fakt ist: Der Anstoß zum Denken ist der Dokumentation damit jedenfalls gelungen, was doch letztlich sicherlich die Intention des Films war. Wem der Zustand unserer Meere bislang nicht bewusst war, dem ist es spätestens nach dem Film.

Foto: Netflix

Kommentar hinterlassen

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.