Fast 30 Jahre lang konnte der Jugendleiter eines Segelvereins in Ansbach ungebremst sexuelle Übergriffe begehen. Die Staatsanwaltschaft Ansbach fordert mehr Prävention und auch der Deutsche Segler-Verband will seine Maßnahmen erweitern.

Bis heute ist sexueller Missbrauch nicht nur im Segelsport ein Tabu-Thema. Dagegen soll nach den Vorfällen aus Ansbach nun allerdings noch stärker vorgegangen werden. Vor rund einem Jahr wurde der Jugendleiter eines Segelvereins nach Anzeigen von drei Betroffenen und der Bestätigung durch die Polizei festgenommen. Bevor allerdings weitere Schritte eingeleitet werden konnten, nahm sich der Jugendleiter in seiner Zelle das Leben.

Damit wären die Ermittlungen eigentlich beendet, doch nach einem Aufruf hatten sich zahlreiche Opfer der sexuellen Gewalttaten gemeldet und der Fall wurde mit 57 betroffenen früheren Jugendlichen der bislang größte bekannte Fall von sexualisierter Gewalt im deutschen Sportgeschehen. Über rund drei Jahrzehnte trieb der Mann sein Unwesen und blieb dabei unentdeckt.

Vereinsvorstand wusste von nichts

Der ermittelnden Staatsanwaltschaft Ansbach stellte sich die Frage, was der Verein von der Tat wusste. Ermittlungen gegen den ehemaligen Vorsitzenden wurden in die Wege geleitet. Aufgrund von fehlenden Hinweisen über die Kenntnis wurden diese allerdings mittlerweile eingestellt. Noch immer können einige Vereinsmitglieder das Geschehene kaum glauben. Der Jugendleiter hatte sich durch seinen guten Umgang und außerordentliche Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen unverzichtbar für den Verein in Ansbach gemacht.

Ob der Verein vor einigen Vorfällen vielleicht die Augen verschlossen hatte, ist ungeklärt. Gerüchte hatte es bereits vor einigen Jahren gegeben, als eine anonyme Quelle die körperliche Nähe des Jugendleiters zu den Segelschülern kritisierte. Kriminaldirektor Dieter Hegwein hat auf das bewusste Wegschauen eine Antwort: „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“. So sei es seiner Meinung nach auch bei dem Ansbacher Segelverein gewesen. Dazu beigetragen habe sicherlich auch, dass der Jugendleiter ein großer Manipulant war, der bei den Kindern mit Geschenken das Schweigen erzielte.

Mona Küppers, Präsidentin des DGVs, ist Ansprechpartnerin für sexuelle Übergriffe und hilft dem Verein, den Fall zu verarbeiten und mit einem neuen Vorstand einen Neuanfang zu wagen. „Die Schockstarre, in der der Verein war, ist vorbei. Jetzt beginnt der Heilungsprozess“, so die Präsidentin.

Präventionsprogramm wird stärker an die Vereine gebracht

Sie sieht den DSV außerdem als treibende Kraft hinsichtlich der verstärkten Vermittlung von Präventionsmaßnahmen. Der Fall in Mittelfranken hat offensichtlich dazu beigetragen, dass der Verband sein Konzept überarbeitet. Bislang konnte man sich die Informationen zwar auf der Internetseite holen, was jedoch Aktivität von den einzelnen Vereinen forderte. „Jetzt schreiben wir alle knapp 1.300 Segelvereine in Deutschland dazu an“, so Küppers über den Fortschritt.

Sowohl dem Deutschen Segler-Verband als auch der Staatsanwaltschaft ist besonders wichtig, dass die Vereine nach und nach in die Präventionsarbeit einbezogen werden. Dies soll mithilfe von ausreichend Informationsmaterialien, Fragebögen und Online-Seminaren erfolgen und somit im besten Fall breite Aufmerksamkeit für das Thema schaffen.

Neues Konzept für die Jugendarbeit in Ansbach

Thema ist der Missbrauchsvorfall im Ansbacher Segelverein sicherlich täglich, denn fast ein Jahr nach der Festnahme und dem Suizid des Jugendleiters arbeitet der Verein an einem neuen Konzept für die Jugendarbeit. Mit diesem wollen Vorstand und Mitglieder aktiv gegen sexuelle Übergriffe arbeiten und neues Vertrauen schaffen.

Das haben sicherlich einige in den betroffenen Verein verloren. Timo Späth, aktiver Segler in Ansbach, berichtete in dem Online-Magazin „nordbayern.de“ von argwöhnischen Blicken auf Regatten. Bei einigen Wettbewerben sei ihnen sogar die Teilnahme unter dem Namen „YCAG“ verwehrt worden, da manche Veranstalter nicht mit dem Verein in Verbindung gebracht werden wollten. Dieses beschädigte Image wollen die Ansbacher mit ihrer aktiven Arbeit an einem Neustart nun aufpolieren.

Foto: Alex Stemmer – stock.adobe.com

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